Schubarts Werk & Schubartforschung

Es ist ein Topos der Aufklärungsforschung, dass der Zugang zu Schubarts Werk durch seine Biographie verstellt ist. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Christian Friedrich Daniel Schubart steht bis heute unter dem Eindruck des Lebensgeschichtlichen; nach wie vor überwiegen die biographischen Forschungen die Analysen seiner Schriften und Zeugnisse.

Eine Gesamtausgabe von Schubarts Werken existiert bis dato nicht. Hinzu kommt, dass das Skandalon von Schubarts zehnjähriger Inhaftierung die Wahrnehmung seiner vielfältigen Arbeiten auf deren politische Aspekte verengt. Dass Schubart nicht nur Lyriker und Journalist, sondern auch Komponist und Musiktheoretiker, Pädagoge, Theaterintendant, Ästhetiker und Historiker war, geriet bisher kaum in den Blick. Erst in den letzten Jahren ist ein wachsendes Interesse auch an diesen Teilen seines Werkes zu erkennen.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Vorstellung vom rebellischen Dichter und umstürzlerischen Intellektuellen, welche die Forschung nach ’68 bis weit in die achtziger Jahre bestimmt hatte, den historischen Realitäten kaum gerecht wird. Charakteristisch für Schubarts Haltung ist vielmehr eine Unsicherheit über die politische Praxis, fluktuierend zwischen Republikanertum und konstitutionellem Monarchismus, ein im Sturm und Drang verbreitetes Schwanken zwischen resignativer Anpassung, Unterwerfung und Aufbegehren.

Schubarts Aussagen zu Deutschland sind Ausdruck einer Emphase, in der sich religiöse Hoffnungen mit taktischen Bestrebungen, Aufklärungsoptimismus und politische Verzweiflung verbinden. Am 7. September 1790 notiert er in der Deutschen Chronik: „Kein Land in der Welt hat bessere Fürsten, mildere Obrigkeiten, (ich sagʼ es mit Ueberzeugung, und nicht als kriechender Schmeichler) als Deutschland. Sie werden also eure Klagen hören, wenn sie gerecht sind.“ Das Huldigungsgedicht auf Friedrich II., das entscheidend zu seiner Haftentlassung beitragen sollte, schrieb Schubart im selben Jahr wie Die Fürstengruft, die selbst schon durch die Ambivalenz von Lobeshymne und Strafgericht, von frommer Demut und kämpferischem Zorn bestimmt ist.

Schubart, der bei Hofe wie auch mit dem Volk lebte und arbeitete, fühlte sich Bürgern, Künstlern und Klerikern gleichermaßen verbunden; als Revolutionär hat er sich nie verstanden. Obwohl er die Französische Revolution begrüßte, wollte er für Deutschland keinen politischen Umsturz. Er dachte – wie die meisten deutschen Intellektuellen der Zeit – nicht an eine radikale Entmachtung der regierenden Fürsten, sondern an eine Beschränkung ihrer Rechte, an die politische Stärkung des dritten Standes und die Verbesserung der sozialen Lage des Volkes.

Dabei geht es ihm nicht nur – im Sinne einer pragmatischen Aufklärung – um die Teilhabe des ungebildeten Volkes an Geist und Kultur und um dessen Erziehung zu Kritik und politischem Selbstbewusstsein, sondern auch um die Bindung der Gebildeten an die Formen einer volkshaften Kultur, von der man sich im 18. Jahrhundert zunehmend entfernt hat. Es ist Schubarts immer wieder als unverwechselbar bezeichneter Ton, der – volkstümlich, phantasievoll, leidenschaftlich-atemlos – alle seine Arbeiten bestimmt und das Grundelement seiner vermittelnden Ästhetik und Redehaltung ist. Für Schubarts journalistisches Werk ist dieser Ton ebenso bestimmend wie für seine Arbeit als Lehrer, Dichter, Rezitator, Prediger und Theologe.

Schubarts Werke wollen weniger polarisieren denn vermitteln – zwischen Weltlichkeit und Religiosität, zwischen Intellektuellen und Ungebildeten, zwischen den verschiedenen Kunst- und Wissensformen. In seinen Vorlesungen über die schöne Wissenschaften für Unstudierte (1777) schreibt er: „Man ist heutiges Tags von dem Vorurtheile zurück gekommen, als wenn die Wissenschaften blos für eigene Gelehrte und nicht auch für andere Bürger des Staats wären. Daher ließ man alle Wissenschaften im Schnürleibe des Systems auftreten, und die Musen sprachen im steifsten Cathedertone.“

Dass für Schubarts vermittelnde Denk- und Kunstformen das Performative elementar ist, wurde bisher kaum beachtet. Er war ein Meister der Improvisation und des Stegreifs als Poet und Komponist, aber auch als Theatermacher auf dem Hohenasperg und am Stuttgarter Hoftheater, als Lehrer und als Dozent der Geschichte, Musik und Literatur. Einen „Sklave[n] des Augenblicks“ hat er sich selbst einmal genannt. Ein wesentlicher Teil seines Werkes ist entsprechend nur unzureichend dokumentiert – wie etwa die Vorlesungen über die schöne Wissenschaften für Unstudierte. Herausgegeben von einem seiner ehemaligen Zuhörer (1777).

Bei seinen ‚Lesekonzerten‘ vor einem Publikum, in dem sich das Spektrum der zeitgenössischen Gesellschaft spiegelte, sang Schubart auch und begleitete seine Deklamationen am Klavier. Diese Kunstform aus Text, Stimme, Gebärde und musikalischem Klang reflektierte er, Kenner der klassischen Rhetorik und protestantischen Homiletik, in verschiedenen seiner ästhetischen Schriften – bis hin zu Ansätzen einer Notenschrift für das gesprochene Wort. Zentral für den Effekt seiner Rezitationen ist der Wechsel der Stimmungen; „Thränen, Schauer, Staunen, Entzückungen, feurige Entschlüsse, Bewunderung, Ehrfurcht, Andacht, Liebe wechselten mit einander in den Herzen der Zuhörer, flammten im Auge“,[2] notierte er am 17.10.1776 in der Deutschen Chronik. Sie ergriffen das Publikum und führten es an die Texte heran: aus den Zuhörern wurden Leser. Das größte Hindernis der Aufklärung, die geringe Lesefähigkeit und Lesebereitschaft im Volk – Schubart überwand es durch seine Deklamationen, die bewiesen, dass die Wirkung literarischer Werke nicht von Bildung oder Intellektualität abhing, ja nicht einmal von Lesekompetenz.

Dass für Schubarts vermittelnde Denk- und Kunstformen das Performative elementar ist, wurde bisher kaum beachtet. Er war ein Meister der Improvisation und des Stegreifs als Poet und Komponist, aber auch als Theatermacher auf dem Hohenasperg und am Stuttgarter Hoftheater, als Lehrer und als Dozent der Geschichte, Musik und Literatur. Einen „Sklave[n] des Augenblicks“ hat er sich selbst einmal genannt. Ein wesentlicher Teil seines Werkes ist entsprechend nur unzureichend dokumentiert – wie etwa die Vorlesungen über die schöne Wissenschaften für Unstudierte. Herausgegeben von einem seiner ehemaligen Zuhörer (1777).

Bei seinen ‚Lesekonzerten‘ vor einem Publikum, in dem sich das Spektrum der zeitgenössischen Gesellschaft spiegelte, sang Schubart auch und begleitete seine Deklamationen am Klavier. Diese Kunstform aus Text, Stimme, Gebärde und musikalischem Klang reflektierte er, Kenner der klassischen Rhetorik und protestantischen Homiletik, in verschiedenen seiner ästhetischen Schriften – bis hin zu Ansätzen einer Notenschrift für das gesprochene Wort. Zentral für den Effekt seiner Rezitationen ist der Wechsel der Stimmungen; „Thränen, Schauer, Staunen, Entzückungen, feurige Entschlüsse, Bewunderung, Ehrfurcht, Andacht, Liebe wechselten mit einander in den Herzen der Zuhörer, flammten im Auge“,[2] notierte er am 17.10.1776 in der Deutschen Chronik. Sie ergriffen das Publikum und führten es an die Texte heran: aus den Zuhörern wurden Leser. Das größte Hindernis der Aufklärung, die geringe Lesefähigkeit und Lesebereitschaft im Volk – Schubart überwand es durch seine Deklamationen, die bewiesen, dass die Wirkung literarischer Werke nicht von Bildung oder Intellektualität abhing, ja nicht einmal von Lesekompetenz.

Werke

Zaubereien. Ulm: Albrecht Friederich Bartholomäi 1766. Todesgesänge. Ulm: Albrecht Friederich Bartholomäi 1767. Deutsche Chronik. Augsburg: Stage 1774, 1775. Teutsche Chronik. Ulm: Wagner 1776, 1777. Vorlesungen über die schöne Wissenschaften für Unstudierte.  Augsburg [ s. n.] 1777. Vorlesungen über Mahlerey, Kupferstecherkunst, Bildhauerkunst, Steinschneidekunst und Tanzkunst. Augsburg: Perrenon 1777. Sämtliche Gedichte. 2 Bde., Stuttgart: Buchdruckerei der Herzoglichen Hohen Carls-Schule 1785/86. Vaterländische Chronik. Stuttgart: Verlag des Kaiserlichen Reichspostamtes 1787-1791. Leben und Gesinnungen. Von ihm selbst im Kerker aufgesezt. 2 Bde. Stuttgart: Gebrüder Mäntler 1791/1793. Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst. Hg. von Ludwig Schubart. Wien: J. V. Degen 1806. Geislinger Schuldiktate. Hg. von Günther Currle. Geislingen [ca. 1991]. Sämtliche Lieder. Hg. von Hartmut Schick. München u.a. 2000. Briefwechsel. Kommentierte Gesamtausgabe in drei Bänden. Hg. von Bernd Breitenbruch. Konstanz  2006.

Forschung

Hermann Bausinger: Tanzende Donnerworte. Zur Sprache Christian Friedrich Daniel Schubarts, in: H. B.: Ein bisschen unsterblich. Schwäbische Profile. Gerlingen 1999, S. 13 – 22.

Jean Cledière: C. F. D. Schubart et la Révolution Française, in: Revolution und Gegenrevolution 1789 – 1830. Zur geistigen Auseinandersetzung in Frankreich und Deutschland. München 1991, S. 11 – 31.

Kurt Honolka: Schubart. Dichter und Musiker, Journalist und Rebell. Sein Leben, sein Werk. Stuttgart 1985.

Rudolf Krauß: Schubart als Stuttgarter Theaterdirektor. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte Neue Folge 10 (1901), S. 252 – 279.

Hartmut Müller: Postgaul und Flügelroß. Der Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791). Frankfurt am Main u. a. 1985.

Michael Myers: Für den Bürger. The Role of Christian Schubart’s Deutsche Chronik in the Development of a Political Public Sphere. Frankfurt am Main u. a. 1990.

Barbara Potthast (Hg.): Christian Friedrich Daniel Schubart – Das Werk. Heidelberg 2017.

Hartmut Schick (Hg.): Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791). Sämtliche Lieder. München 2000.

Johann Nikolaus Schneider: Zwischen Lyra und Lettern. Schubarts Lieder in einer Grenzsituation der Lyrikgeschichte, in: Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791). Sämtliche Lieder. Hg. von Hartmut Schick, S. XXXIII – XLIV.

Wilfried F. Schoeller: Schubart. Leben und Meinungen eines schwäbischen Rebellen, den die Rache seines Fürsten auf den Asperg brachte. Berlin (West) 1979.

Franz Schwarzbauer: Schubart und die Deutsche Chronik. Der Versuch, eine Legende zu revidieren, in: Schwabenspiegel. Literatur vom Neckar bis zum Bodensee 1000 – 1800. Hg. von Ulrich Gaier, Monika Küble und Wolfgang Schürle. Bd. 2: Aufsätze. Ulm 2003, S. 577 – 587.

Bernd Jürgen Warneken: Schubart. Der unbürgerliche Bürger. Frankfurt am Main 2009.

Ursula Wertheim, Hans Böhm: Einleitung, in: Schubarts Werke in einem Band. Ausgew. und eingel. von U. W. und H. B. Weimar 1959, S. 5 – 41.